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Analyse

Überleben ist Sieg. Analyse von Prof. Dr. Carlo Masala

Was bedeutet Sieg in der Kriegsführung des 21. Jahrhunderts? Prof. Dr. Carlo Masala analysiert exklusiv für AKE | SKABE, warum klassische Überlegenheitslogiken zunehmend an ihre Grenzen stoßen. Anhand der Kriege in der Ukraine und gegen den Iran zeigt er, wie Verteidiger Angreifer durch Zeitgewinn, Dezentralisierung, politische Kohärenz und billige Waffensysteme strategisch unter Druck setzen. Seine These: Überleben ist heute nicht nur Voraussetzung für Widerstand, sondern selbst eine Form des Sieges.

Portrait
Prof. Dr. Carlo Masala
Wissenschaftlicher Berater

Prof. Dr. Carlo Masala ist Experte für Sicherheits- und Verteidigungspolitik und leitet an der Universität der Bundeswehr München u. a. das Center for Intelligence and Security Studies (CISS). AKE | SKABE unterstützt er als wissenschaftlicher Berater und veröffentlicht u. a. exklusive Beiträge zu sicherheitspolitischen und geostrategischen Themen.

Überleben ist Sieg. Analyse von Prof. Dr. Carlo Masala

Verändert sich Kriegsführung grundlegend?

Erleben wir gerade eine signifikante Veränderung von Kriegsführung? Passen sich staatliche Akteure in ihrer Verteidigung der bereits hinlänglich bekannten Taktik von Guerilla an? Der erste Blick zeigt, dass die klassische, vom 19. und 20. Jahrhundert geprägte Kriegslogik, nach der Überlegenheit in Material, Mobilisierung und Territorium den Sieg determiniert, im 21. Jahrhundert möglicherweise relativiert wird. Sowohl die Ukraine als auch der Iran demonstrieren, dass der Verteidiger den Angreifer strategisch zermürben kann, indem er dessen Zielerreichung verzögert, verteuert oder politisch delegitimiert. Damit scheinen sich staatliche Akteure, die angegriffen werden und materiell dem Angreifer unterlegen sind, der bereits hinlänglich bekannten Methoden des Guerillakrieges zu bedienen.

Die Ukraine zeigt die Logik des Durchhaltens

Der Ukrainekrieg zeigt dies eindrücklich: Trotz Russlands zahlenmäßiger Überlegenheit zu Kriegsbeginn 2022 – rund 190.000 Soldaten beim Einmarsch – kann Moskau sein strategisches Ziel, die politische Kontrolle über Kiew, bis heute nicht erreichen. Die Ukraine, deren konventionelle Streitkräfte im Februar 2022 nur über rund 125.000 kampffähige Soldaten verfügten, kompensierte ihre Unterlegenheit durch Verteidigungsdezentralisierung, präzise Angriffe auf kritische Logistik und massive Nutzung kosteneffizienter Drohnenangriffe auf russische rückwärtige Ziele.

Lass sie die Kosten spüren

Moderne Kriegsführung scheint darauf abzuzielen, den Angreifer in eine Kostenfalle zu locken und ihn durch die Erhöhung selbiger zur Aufgabe seiner militärischen Aktionen zu bringen. Und zwar auf einer dreifachen Achse: militärisch, politisch-gesellschaftlich und ökonomisch.

Militärisch: Billige Waffensysteme gegen teure Ausstattung

Russland verlor laut westlichen Schätzungen bis Ende 2025 rund 400.000 Soldaten (Gefallene und Verwundete) sowie mehr als 3.000 Panzer. Die Ukraine setzte pro Monat durchschnittlich 10.000 Drohnen im Aufklärungs- und Angriffsmodus ein, deren Stückkosten oft unter 20.000 Euro lagen. Damit vernichtete sie teure russische Ausrüstung, zum Beispiel T‑90M-Panzer im Wert von mehreren Millionen Euro.

Der Kostenmultiplikator des Verteidigers kehrt damit das klassische Gefälle um: Der Angreifer verliert überproportional wertvolle Ressourcen durch günstige, anpassungsfähige Waffensysteme. Russland investierte bis Ende 2025 schätzungsweise über 30 Prozent seines Staatshaushalts in den Krieg, während das BIP um rund 5 Prozent pro Jahr schrumpfte. Gleichzeitig erhielt die Ukraine seit 2022 internationale Militärhilfe im Wert von über 250 Milliarden US-Dollar, was ihre Fähigkeit verlängerte, den Krieg energisch weiterzuführen, ohne entscheidende strategische Rückschläge zu erleiden.

Politisch-gesellschaftlich: Wenn der Angreifer an Rückhalt verliert 

Westliche Sanktionen und Informationskampagnen führten zu einem Strukturwandel in der internationalen Wahrnehmung Russlands. Der Angreifer isolierte sich diplomatisch, während der Verteidiger politisch integrierter wurde (z. B. EU-Beitrittsstatus der Ukraine 2024). Ein ähnliches Muster zeigt sich im Krieg gegen den Iran, der 2025 und 2026 maßgeblich durch israelische und US-amerikanische Angriffe auf iranische Infrastruktur geprägt ist. Trotz der über 1.000 israelisch-amerikanischen Luftschläge gegen iranische Nuklearanlagen, Kommandozentren und Luftverteidigung blieb die politische und militärische Führung Teherans intakt.

Ökonomisch: Hohe Angriffskosten, begrenzte Wirkung 

Der Iran setzte auf dezentrale Drohnenkommandos sowie ballistische Schläge gegen israelische Militärbasen in Galiläa und koordinierte über verbündete Milizen (Hisbollah, schiitische Gruppen im Irak) asymmetrische Gegenattacken. So entstanden für Israel und die USA unerwartet hohe Sicherheitskosten und eine Überdehnung der militärischen Logistik. Der iranische Rial verlor zwar fast 50 Prozent seines Wertes, doch der Iran hielt durch Ölverkäufe nach China und informelle Handelsnetzwerke genug Devisenreserven aufrecht. Die Kosten für Angriffe – präzisionsgelenkte Munition, Aegis-Abfangsysteme, Raketenabwehr – erreichten für Israel bis März 2026 etwa 1,5 Milliarden US-Dollar pro Monat, während der Iran mit verhältnismäßig günstigen Angriffsdrohnen Gegenschläge führte.

I Will Survive

Beide Kriege zeigen, dass der Verteidiger militärisch überleben und politisch handlungsfähig bleiben muss, um langfristig als Sieger zu gelten. In der Ukraine blieb die Regierung Selenskyj während der gesamten Kriegsdauer funktionstüchtig und erhielt internationale diplomatische Anerkennung. Diese Funktionsfähigkeit verlieh Kiew politische Legitimität, während Moskau trotz territorialer Gewinne an strategischer Glaubwürdigkeit verlor. Im Iran gelingt es der Regierung, trotz wiederholter Angriffswellen weiterhin die administrative Kontrolle über weite Teile des Landes zu erhalten. Sie ist in der Lage, auch das Internet durch An- und Abschaltung zu kontrollieren.

Überleben wird damit zur neuen Form des Siegens

Militärisch genügt die Verweigerung der totalen Niederlage, politisch genügt die Aufrechterhaltung staatlicher und gesellschaftlicher Kohärenz.

Was bedeutet das für die Verteidigung der Zukunft?

  • Verteidigung aus der Situation einer militärischen Unterlegenheit muss zukünftig als Systemresilienz gedacht werden und nicht nur, wie in der Vergangenheit, als materielle Überlegenheit. Anpassung, Dezentralisierung und Durchhaltefähigkeit sind dafür zentral.
  • Billige, adaptive Waffensysteme (Drohnen, autonome Sensorplattformen, Cyberabwehrtools) gewinnen dadurch Vorrang vor Großsystemen.
  • Demokratien müssen lernen, Langzeitkonflikte kommunikativ zu bestehen, um die eigene Bevölkerung gegen Ermüdung und Informationskriegsführung abzusichern.
  • Sanktionen, Finanzströme und Lieferketteninterventionen werden zu Primärwaffen. Sie sind nicht nur Begleitmaßnahmen, sondern integraler Teil der Verteidigungsstrategie.

Fazit: Die Zeit entscheidet über Sieg und Niederlage

Der Übergang von der Eroberungslogik zur Erschöpfungslogik bedeutet, dass in der Kriegsführung des 21. Jahrhunderts der Zeitfaktor über Sieg und Niederlage entscheidet. Die Fähigkeit, länger auszuhalten, Ressourcen zu regenerieren und politische Kohärenz zu wahren, ersetzt klassische Vorstellungen militärischer Entscheidungsschlachten. Wer den Preis des Krieges für den Gegner maximal erhöht und selbst überlebt, gewinnt.

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