Venezuela im Umbruch – US-Militäraktion, Maduros Festnahme und die Auswirkungen auf die Region. Interview mit Manuel Grubenbecher
Am 3. Januar 2026 setzte die US-Armee in Venezuela einen klaren Akzent, indem sie Präsident Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores festnahm. Die Militäroperation, die zu einer massiven Destabilisierung Venezuelas führte, wirft wichtige Fragen über die zukünftige politische Ausrichtung des Landes und die Auswirkungen auf die gesamte Region auf. In diesem Interview erläutert Manuel Grubenbecher, Global-Risk-Berater und Geschäftsführer von AKE | SKABE, die weitreichenden Konsequenzen dieser Intervention und was Unternehmen jetzt beachten müssen.

Manuel Grubenbecher ist langjähriger geopolitischer Sicherheitsberater für Unternehmen, staatliche Institutionen sowie NGOs. Sein Schwerpunkt ist das globale Risikomanagement.

Herr Grubenbecher, was können Sie uns über die US-Militäroperation sowie die Festnahme Nicolás Maduros in Venezuela am 3. Januar 2026 sagen?
Offizielles Ziel war es, Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores festzunehmen und nach den US-amerikanischen Anklagen wegen Narco-Terrorismus zu verfolgen. Gleichzeitig wurden militärische und strategische Ziele in Caracas und anderen Regionen des Landes angegriffen, darunter Stützpunkte und Drogenlager. Die Operation war eine Reaktion auf die anhaltenden Spannungen und die wachsende Bedrohung durch die venezolanische Regierung, die Verbindungen zu kriminellen Organisationen pflegt.
Was meinen Sie mit Narco-Terrorismus?
Narco- oder Drogenterrorismus bezeichnet die Verknüpfung von Drogenhandel und terrorähnlicher Gewalt – wenn Akteure aus dem Drogengeschäft durch Einschüchterung, Anschläge oder Entführungen politische Entscheidungen beeinflussen oder staatliche Strafverfolgung systematisch unterlaufen. In den USA wird „narco-terrorism“ auch als Anklagepunkt verwendet, unter anderem in Fällen, in denen Drogenhandel mit terroristischen Organisationen bzw. deren Unterstützung verknüpft wird. Das US-Justizministerium hat 2020 gegenüber Maduro öffentlich Anklagen unter anderem wegen Narco-Terrorismus im Zusammenhang mit Vorwürfen einer Verschwörung mit der FARC und Kokainhandel erhoben.
Welche unmittelbaren Konsequenzen hat die Aktion für Venezuela und die Region?
Kurzfristig werden wir eine starke Fragmentierung des Regimes sehen. Viele loyale Kräfte von Maduro werden um ihren Platz kämpfen, was zu einer Phase der Instabilität führen könnte. Die venezolanische Bevölkerung wird mit Unsicherheit und einer Verschärfung der humanitären Lage konfrontiert, insbesondere in den umkämpften Städten. In der Region, besonders in Kolumbien und Brasilien, erwarten wir einen Anstieg der Flüchtlingszahlen und zusätzliche Belastungen für die Nachbarstaaten. Auch Russland, China und Kuba werden sich gegen diese US-Operation stellen, jedoch ohne sie eskalieren zu lassen, da sie bereits in der Vergangenheit ihre Unterstützung für Maduro eingeschränkt haben.
Welche langfristigen Auswirkungen könnte diese militärische Intervention für die geopolitische Landschaft haben?
Langfristig wird die US-Operation wahrscheinlich das Kräftegleichgewicht in der Region verändern. Sie könnte als Signal für eine härtere Linie gegen Narco-Terrorismus und autoritäre Regime im Hemisphärenkontext gesehen werden. Auf der anderen Seite könnten die internationalen Normen und Prinzipien der Souveränität infrage gestellt werden. Wir müssen uns fragen, wie sich diese Intervention auf die Beziehungen zwischen den USA und lateinamerikanischen Staaten auswirkt und welche Präzedenzfälle sie schaffen könnte, zum Beispiel mit Grönland. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass Venezuela in eine Phase der Unsicherheit und des Chaos eintreten könnte, was die Stabilität der gesamten Region bedroht.
Wird diese US-Operation den politischen Übergang in Venezuela erleichtern?
Das ist schwer zu sagen. Zwar könnte das Fehlen von Maduro den Weg für einen politischen Übergang freimachen, aber die tief verwurzelten Strukturen des Regimes und die Loyalität vieler institutioneller Akteure zum Chavismus erschweren eine schnelle, friedliche Lösung. Wir erwarten, dass es zu Kämpfen um die Macht und zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommen wird, wenn loyale Kräfte des Regimes – wie beispielsweise Vizepräsidentin Delcy Rodríguez – versuchen, ihre Macht zu sichern. Ein geordneter Übergang ist daher nicht garantiert.
Welche Rolle spielt die internationale Gemeinschaft in dieser Krise?
Die internationale Gemeinschaft wird eine Schlüsselrolle spielen, aber es ist noch unklar, wie die Reaktionen ausfallen werden. Die Nachbarstaaten, insbesondere Kolumbien und Brasilien, stehen vor der Herausforderung, mit einer möglichen Flüchtlingskrise und einer zunehmenden Zahl von Menschenrechtsverletzungen umzugehen. Auch die Vereinten Nationen werden wahrscheinlich Diskussionen über die Verletzung der venezolanischen Souveränität und mögliche internationale Interventionen führen müssen. Dennoch glaube ich nicht, dass wir eine direkte militärische Antwort anderer Länder sehen werden.
Wie können Unternehmen und Organisationen in der Region auf diese geopolitischen Veränderungen reagieren?
Unternehmen sollten ihre Sicherheits- und Risikomanagementstrategien überprüfen und anpassen. Insbesondere in Venezuela müssen sie sich auf unsichere Zeiten einstellen und bereit sein, schnelle Evakuierungen oder Notfallmaßnahmen umzusetzen. Die geopolitische Unsicherheit wird auch die Lieferketten in der Region beeinträchtigen, weshalb eine detaillierte Risikobewertung und -vorbereitung entscheidend sind. Zusätzlich sollten internationale Organisationen, die in den betroffenen Ländern tätig sind, ihre Notfallpläne und die Sicherheit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter priorisieren.
Können wir in naher Zukunft mit einer Stabilisierung in Venezuela rechnen?
Ich halte es für unwahrscheinlich, dass Venezuela schnell stabilisiert wird. Die politischen und gesellschaftlichen Spannungen sind tief verwurzelt, und selbst wenn Maduro entfernt wird, könnte ein Machtvakuum entstehen, das zu weiteren Konflikten führt. Die wirtschaftliche Lage bleibt ohnehin schwierig, was die humanitäre Krise weiter verschärfen wird. Es wird Jahre dauern, bis Venezuela sich von dieser Krise erholt.


