Massenproteste im Iran: Naht das Ende der Islamischen Republik?
Seit dem Jahreswechsel hat eine gigantische Protestwelle den Iran erfasst. Was mit einer Demonstration von Basarhändlern im Zentrum von Teheran am 28. Dezember 2025 begann, entwickelte sich in der ersten Januarwoche wie ein Lauffeuer. Der in den USA im Exil lebende Kronprinz Reza Pahlavi rief die Iraner vergangene Woche per Videobotschaft auf, jeweils am Donnerstag und Freitag, den 8. und 9. Januar, auf die Straßen zu gehen und zu protestieren. Mehrere Millionen Menschen sind dem Aufruf gefolgt und demonstrierten ab Donnerstag in Massen. Seitdem haben sich die Ereignisse überschlagen, und die Proteste haben sich landesweit auf über 180 Städte sowie auf alle 31 Provinzen des Iran ausgeweitet. Um die Proteste in Schach zu halten, kappte die iranische Regierung die Internetverbindung im gesamten Land. Laut offiziellen Medienberichten sind mittlerweile mehr als 3.400 Menschen durch die Gewaltanwendung im Zuge der Proteste ums Leben gekommen (Stand: 15.01.2025). Andere Quellen berichten von einer erheblich größeren Dunkelziffer an Todesopfern, die zwischen 6.000 und 12.000 Toten liegt. Der US-Präsident Donald Trump sicherte den Protestierenden seine Unterstützung zu, falls die Gewalt eskalieren sollte. Trump prüft seit dem 14. Januar Optionen für eine Militäroperation.

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Wirtschaftskrise und Sanktionen brachten das Fass zum Überlaufen
Der Auslöser für die massiven Proteste ist die schwere Wirtschaftskrise, die maßgeblich durch die Inflation sowie durch die anhaltenden Sanktionen gegen den Iran verursacht wurden. Trotz seines immensen Rohstoffreichtums und einer gut ausgebildeten Bevölkerung leidet die Islamische Republik Iran unter volatilem Wirtschaftswachstum, Geldentwertung, ausufernder Korruption, Mangelwirtschaft sowie unter einer maroden Infrastruktur. Im Iran geht die wirtschaftliche Schwäche Hand in Hand mit politischer Instabilität und einer autoritären Staatsführung. Die politische Instabilität im Iran manifestiert sich nicht zuletzt in der iranischen Außenpolitik. Hauptmerkmale der iranischen Außenpolitik sind eine theokratisch-ideologische Grundhaltung, Regionalmachtambitionen sowie asymmetrische Kriegsführung und Unterstützung nicht staatlicher bewaffneter Gruppen („Proxies“), insbesondere in den arabischen Nachbarländern mit großen schiitischen Bevölkerungsanteilen. Im Juni 2025 kam es zum 12-tägigen Krieg mit Israel, bei dem die israelische Luftwaffe strategisch wichtige militärische Ziele im Iran bombardierte.
Reform eines veralteten Wechselkurssubventions-Systems löst Hyperinflation aus
Als die Trump-Regierung 2018 aus dem Joint Comprehensive Plan of Action (JCPOA) – oft auch als „Atomdeal“ bezeichnet – ausstieg, leiteten die USA die Politik des maximalen Drucks ein und verschärften die Wirtschaftssanktionen gegen den Iran auf die höchste Stufe. Im Verlauf der vergangenen 15 Jahren befindet sich die iranische Währung, der Iranische Rial (IRR), in einem langfristigen Abwärtstrend. Seit 2020 verschärfte sich die jährliche Inflation, die seitdem um die 40-Prozent-Marke schwankt. Im Dezember 2025 schnellte die Inflation auf 52,6 Prozent hoch.

Die iranische Regierung beabsichtigte in jüngster Zeit, das veraltete System der Wechselkurssubventionen zu reformieren. Bisher erhielten die Importeure von Waren und Produkten aus dem Ausland mithilfe von Wechselkurssubventionen staatliche finanzielle Unterstützung. Ein großer Nachteil der Wechselkurssubventionen ist die Anfälligkeit für Korruption und Geldabflüsse.
Dieses ineffiziente Subventionssystem sollte nun umgestellt werden, sodass die iranischen Haushalte und Konsumenten direkt von den Subventionen profitieren können, wie beispielsweise in Form von Mikrokrediten oder Coupons. Die Umstellung erfolgte um den Jahreswechsel 2025/26 und löste einen drastischen Anstieg der Lebensmittelpreise aus. Innerhalb von einem Tag vervierfachten sich die Preise für Basislebensmittel wie Reis oder Brot. Der rapide Preisanstieg, gepaart mit wirtschaftlicher Not, Unterbeschäftigung und Perspektivlosigkeit, war der Startschuss für die größte Protestwelle im Iran seit 2022.
Die Massenproteste erschüttern die Legitimität der Islamischen Republik in ihren Grundfesten
Reza Pahlavi, der Sohn des früheren iranischen Shahs, Mohammad Reza Shah Pahlavi rief seine Landsleute im Iran dazu auf, sich zu erheben und auf die Straßen zu gehen. Der große Frust der Protestierenden entlud sich sowohl in unzähligen friedlichen Protestmärschen als auch in Form von Gewalt gegen staatliche Einrichtungen und Symbole, darunter Brandanschläge auf Regierungsgebäude, Herrschaftssymbole der Islamischen Republik in der Stadt Karaj am 9. Januar 2026 oder auf Motorräder der Sicherheitskräfte.
Entfesselte Gewalt durch die Basidsch-Milizen
Das Regime antwortet derzeit mit voller Härte und Gewalt. Aufseiten der Regierung kämpft die Basidsch-Miliz, die den iranischen Revolutionsgarden (IRGC/Sepah Pasdaran) untergeordnet sind. Die Basidsch-Miliz wurde kurz nach der Islamischen Revolution im Jahr 1979 von dem Revolutionsführer Ruhollah Khomeini gegründet. Sie verkörpert eine wichtige Stütze innerhalb der iranischen Sicherheitsarchitektur, die das staatliche Gewaltmonopol aufrechterhalten soll. Die Basidsch-Miliz rekrutiert ihre Kämpfer zumeist aus ärmeren und religiös-konservativen Milieus und ist in jeder Stadt und Kleinstadt des Iran präsent. Unter den Milizen, die meist schwerbewaffnet auf Motorrädern patrouillieren, kämpfen auch sehr viele ausländische Kämpfer, darunter oftmals Hisbollah-Kämpfer oder irakische Shia-Milizen.
Die Gewalt bei den Protesten fordert Tausende von Todesopfern
Die Milizen greifen besonders hart durch und erschossen skrupellos Demonstranten. Während die Human Rights Activist News Agency (HRANA) von rund 2.500 bestätigten Toten, darunter auch Kinder, berichten, liegt die Dunkelziffer weitaus höher. Schätzungen von Iran International gehen von 12.000 oder sogar 20.000 Todesopfern aus, die durch Sicherheitskräfte des Mullah-Regimes in den vergangenen fünf Tagen brutal ermordet wurden. Die Milizen schießen mit automatischen Kalaschnikow-Gewehren und Shotguns auf unbewaffnete Demonstranten. Die Kliniken im Iran sind aktuell komplett überlastet. BBC Farsi bestätigt, dass Leichensäcke mit den Opfern der Proteste in großer Anzahl vor die Krankenhäuser transportiert werden. Insgesamt inhaftierten die Sicherheitskräfte mehr als 18.000 Menschen im Zuge der Proteste. Im Gegenzug sollen die Demonstranten auch mindestens 48 Sicherheitskräfte umgebracht haben.
Die ausufernde Gewalt beweist, dass die Islamischen Republik Iran ihre Legitimität aus der Perspektive der eigenen Bevölkerung verloren hat. Der Oberste Führer Ali Khamenei gibt sich kämpferisch und bezichtigt die USA und Israel, die Proteste im Iran im Sinne einer hybriden Kriegsführung strategisch und medial von außen zu steuern.
Proteste sollen erstickt werden: Iranische Regierung schaltet das Internet aus
Am Donnerstag, den 8. Januar, setzte die iranische Regierung eine landesweite Blockade des Internets durch. Die Hauptziele der Internetblockade sind:
- Unterbinden des Kommunikationsflusses zwischen den Demonstranten,
- Abschottung des Iran nach außen, sodass Diaspora-Iraner im Ausland nicht mit ihren Familien in der iranischen Heimat kommunizieren können,
- Verhindern einer medialen Verbreitung von Bild- und Videomaterialien, die die tödlichen Gewaltakte der iranischen Sicherheitskräfte gegen die eigene Bevölkerung zeigen.
Lediglich der Machtapparat, das Militär und Pro-Regierungs-Nachrichtenseiten verfügen weiterhin über eine funktionierende Internetverbindung. Durch die Abschaltung des Internets ist außerdem der Zugang zu verlässlichen Medieninformationen zur aktuellen Stunde sehr eingeschränkt.
Elon Musks Satellitennetzwerk Starlink als Lösung für den Internet-Blackout
Elon Musks Satelliten-Netzwerk Starlink, das von seinem Unternehmen SpaceX betrieben wird, ist bereits in der Vergangenheit bei den Protesten um den Tod von Mahsa Amini im Jahr 2022 eingesprungen, um Protestierende im Iran zu unterstützen und während des staatlich gesteuerten Internet-Blackouts mit einer Internetverbindung zu versorgen. Die iranische Regierung versucht, auch die Starlink-Verbindung durch militärische Störsender zu blockieren. Komplett ist es jedoch nicht möglich, die Starlink-Verbindung auf iranischem Territorium auszuschalten. Als Reaktion verfolgt das Regime Starlink-Nutzer und versucht, Starlink-Antennen im Westen Teherans zu beschlagnahmen.
Die USA markieren ihren Standpunkt und halten sich alle Optionen offen
Der US-Präsident Donald Trump verlautbarte am 14. Januar, dass die USA hinter den Protestierenden steht und dass „Hilfe auf dem Weg“ sei. Gleichzeitig warnte Trump die iranische Staatsführung davor, Gewalt gegen die Protestierenden auszuüben. Bislang blieb eine militärische Reaktion der USA jedoch aus. Karoline Leavitt, die Pressesprecherin des Weißen Hauses in Washington, bekräftigte, dass die Diplomatie für Donald Trump immer die erste Wahl sei. Richard Goldberg, der ehemalige Direktor des United States National Security Council in den Jahren 2019 und 2020, erläutert in Radio Free Europe, dass Trump sich der geopolitischen Stärken der USA vollkommen bewusst sei. Demzufolge wägt die US-Führung sorgfältig und genau alle möglichen Optionen für eine adäquate und zielführende Reaktion auf die Geschehnisse im Iran ab. Hierzu zählen wirtschaftliche Druckmittel, Cyberangriffe sowie Militär- und Geheimdienstoperationen. Die Trump- Regierung verhängte bereits weitere Sanktionen gegen mehr als ein Dutzend natürliche und juristische Personen, die mit dem iranischen Regime in Verbindung stehen. Am 15. Januar 2026 trat zudem der UN-Sicherheitsrat in New York auf Wunsch der USA zu einer Notsitzung zusammen und verurteilte die eskalierende Gewalt bei den Protesten im Iran. Außerdem plädierte die UN für eine unabhängige Untersuchung der getöteten Menschen und warnte die iranische Staatsführung davor, Exekutionen durchzuführen.
Fazit: Die Lage spitzt sich dramatisch zu
Die seit Tagen andauernde Protestwelle hat die iranische Staatsführung ernsthaft auf die Probe gestellt. Infolge einer schweren Wirtschaftskrise und aufgrund von Hyperinflation ist das Gros der Iraner verarmt und sieht sich mit prekären Lebensbedingungen konfrontiert. Die iranische Regierung versucht, der zahlreichen Proteste durch blutige Gewaltanwendung Herr zu werden. Die Niederschlagung der Proteste haben bereits mehreren Tausend Menschen das Leben gekostet. In den kommenden Tagen wird sich zeigen, ob und in welcher Form die USA unter Donald Trump die Demonstranten im Iran militärisch unterstützen werden. Ein solcher außenpolitischer Schritt würde der Protestwelle eine weitere Dynamik verleihen. An dieser Stelle ist auch ein erneuter Krieg mit Israel nicht ausgeschlossen.


