Denn sie wissen nicht, was sie tun. Oder doch? Analyse von Prof. Dr. Masala
Ein geopolitischer Krisenherd mit globalen Folgen: Die Straße von Hormus ist zum Schauplatz eines strategischen Machtspiels zwischen dem Iran und den USA geworden. Prof. Dr. Carlo Masala ordnet die aktuelle Eskalation ein – mit Blick auf Spieltheorie, historische Parallelen und die Risiken einer Politik am Rande des Abgrunds.

Prof. Dr. Carlo Masala ist Experte für Sicherheits- und Verteidigungspolitik und leitet an der Universität der Bundeswehr München u. a. das Center for Intelligence and Security Studies (CISS). AKE | SKABE unterstützt er als wissenschaftlicher Berater und veröffentlicht u. a. exklusive Beiträge zu sicherheitspolitischen und geostrategischen Themen.

Straße von Hormus: Globale Auswirkungen der Krise zwischen Iran und USA
Alle Welt schaut derzeit gebannt auf die Straße von Hormus und stellt sich die Frage, wann diese wieder geöffnet wird. Die Konsequenzen ihrer „Schließung“ machen sich in Afrika, Asien und Europa schleichend bemerkbar. Es mangelt an Kerosin, Düngemittel und auch – was die meisten nicht auf den Schirm haben – an Helium. Globale Lieferketten sind bedroht, und es gibt bereits die ersten Stimmen, die vor ihrem Reißen warnen. Die Welt scheint, solange die Straße von Hormus blockiert ist, unaufhaltsam auf eine globale Krise zuzulaufen, und offensichtlich sind weder der Iran noch die USA dazu bereit, diese Krise abzuwenden.
Spieltheorie verstehen: Das Chicken Game als Modell moderner Kriegsführung
Wenn man verstehen will, was zwischen den USA und dem Iran in der Straße von Hormus gerade passiert, dann ist möglicherweise eine popkulturelle Anleihe hilfreich. Kaum jemand erinnert sich noch an den 1955 erschienenen Filmklassiker „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ mit James Dean. In diesem Film gibt es eine zentrale Szene, in der James Dean (als Jim Stark) und sein Widersacher Buzz Gunderson als Teil einer Mutprobe unter Halbstarken mit gestohlenen Autos auf eine Klippe zurasen. Verloren hat der, der zuerst aussteigt. Buzz Gunderson stirbt in dieser Szene, als er mit seinem Wagen in die Tiefe stürzt, weil sein Ärmel am Türgriff hängen bleibt.
Verfilmt wurde hier das Chicken Game, eines der klassischen Konzepte der Spieltheorie. Das Chicken Game (im Deutschen oftmals auch Feiglingsspiel genannt) ist ein spieltheoretisches Modell für Konflikte mit hohem Einsatz, bei dem zwei Spieler eine Mutprobe austragen müssen, die auf eine Konfrontation hinausläuft und die derjenige verliert, der zuerst ausweicht.
Es gibt für beide Spieler nur drei Optionen:
- Beide weichen aus, und somit gewinnt niemand.
- Einer fährt weiter und ist der „Gewinner“ dieser Konfrontation.
- Oder beide fahren weiter und produzieren eine Katastrophe.
Brinkmanship im Persischen Golf: Eskalation als Strategie
In der internationalen Politik ist diese spieltheoretische Konstellation zum Teil in die Brinkmanship-Strategie eingeflossen. Bei dieser Strategie geht es darum, einen Konflikt bewusst bis an den Rand einer Katastrophe zu eskalieren, um den Gegner zum Nachgeben zu zwingen. Durch Drohungen und Machtdemonstrationen gilt es, den Gegner zu Zugeständnissen zu zwingen, ohne tatsächlich eine Konfrontation auszulösen.
Historisch gibt es einige Beispiele für diese Strategie. Das bekannteste ist dabei sicherlich die Kubakrise. Die USA verhängten eine Seeblockade gegen Kuba, um heranfahrende sowjetische Schiffe davon abzuhalten, kubanische Häfen anzulaufen. Die Sowjetunion ließ diese zunächst weiterfahren, und für eine kurze Zeit sah es so aus, als ob beide Protagonisten unvermeidlich auf eine nukleare Katastrophe zulaufen würden. Erst „in der letzten Sekunde“ drehten sowjetische Frachter ab. Auf den ersten Blick schienen die USA mit der Strategie, den Konflikt zum Brink of War zu treiben (so der Begriff, den US-Außenminister John Foster Dulles 1956 benutzte), Erfolg zu haben. Erst später erfuhr die Welt, dass beide Seiten Zugeständnisse machten. Die UdSSR verzichtete auf die Stationierung von nuklear bestückbaren Raketen auf Kuba, die USA sicherten Moskau zu, die atomar bestückbaren Jupiter-Raketen aus der Türkei zurückzuziehen.
Iran vs. USA: Machtkalkül und geopolitische Interessen im Nahen Osten
Bei der Brinkmanship-Strategie geht es somit um zwei Elemente: 1. Eskalation zu bewirken, aber 2. zugleich die Kontrolle zu behalten und Drohungen glaubwürdig zu signalisieren. Wenn man dies nunmehr auf die gegenwärtige Situation zwischen den USA und dem Iran mit Blick auf die Straße von Hormus anwendet, dann ergibt sich folgendes Bild: Die USA glauben, mit der Blockade der Straße den Iran in den ökonomischen Kollaps zu treiben oder dem Regime diesen vor Augen zu führen, um es zum Einlenken mit Blick auf Verhandlungen zu bewegen. Dabei gehen die USA davon aus, dass dieser Kollaps a) zeitlich „relativ schnell“ herbeizuführen ist und b) das iranische Regime dann um seine Herrschaftsbasis fürchten muss. Auf der anderen Seite steht das iranische Kalkül, dass die Sperrung der Straße von Hormus die Kosten für die Weltwirtschaft so in die Höhe treiben wird, dass dritte Akteure den Druck auf die USA erhöhen werden, die Blockade zügig zu beenden.
Insofern stehen sich hier gerade zwei unvereinbare Strategien gegenüber, die auf den ersten Blick keine Kompromisse zulassen. Wenn die amerikanischen Erwartungen nicht eintreten, dann müssen die USA den nächsten Schritt gehen und die aktiven Kampfhandlungen erneut aufnehmen. Möglicherweise müssen sie dann auch einen weiteren logischen militärischen Schritt gehen, der die Entsendung von Bodentruppen einschließen könnte. Wenn auf der anderen Seite die iranischen Erwartungen nicht eintreten, dann kann der Iran die Strategie des Aussitzens zu einem hohen Preis weiterbetreiben und darauf hoffen, dass TACO (Trump Always Chickens Out, Trump zieht immer den Schwanz ein) auch diesmal greifen wird.
Wir sehen somit: Auf beiden Seiten ist die jeweilige Strategie in einem hohen Maße von Hoffnung und Spekulation geprägt.
Lösungsansätze im Konflikt um die Straße von Hormus: Rolle internationaler Akteure
In einer solchen Situation könnten dritte Akteure beiden Hauptakteuren einen Ausweg bieten, der jedoch für beide Seiten gesichtswahrend sein muss. Wir sehen gerade viel Bewegung bei den Staaten des Persischen Golfs sowie bei Pakistan, diese für beide Seiten akzeptable Lösung herbeizuführen. So berichtet das amerikanische Nachrichtenportal Axios, dass der Iran nach vielfachen Gesprächen bereit sei, die Straße von Hormus zu öffnen, im Gegenzug jedoch die Zusicherung bekommen will, dass Verhandlungen über das iranische Nuklearwaffenprogramm erst zu einem späteren Zeitpunkt beginnen werden.
Ob dies aus US-Perspektive akzeptabel ist, wissen wir nicht. Wenn man annimmt, dass Trump und seine Administration unbedingt einen Ausweg aus der Krise suchen, scheint dies möglich. Wenn die vorherrschende Sicht in der Administration jedoch sein sollte, dass die USA auf jeden Fall am längeren Hebel sitzen, dann wäre dieser iranische Vorschlag unzureichend, ja sogar kontraproduktiv, da er in den USA als Zeichen iranischer Schwäche interpretiert werden könnte und als Beweis dafür, dass die USA gerade „alle Karten in der Hand halten“.
Kurzum: Wenn man verstehen will, was gerade mit Blick auf die Straße von Hormus passiert, dann lohnt es sich, mal wieder einen Filmklassiker zu schauen. Aber anders als in seinem Titel wissen beide Seiten, was sie tun.


