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Analyse

Westafrikas fragile Stabilität

Westafrika entwickelt sich zur geopolitischen und wirtschaftlichen Scharnierregion: Wachstum, neue Energieprojekte und digitale Wachstumsinseln eröffnen Chancen – zugleich verschärfen Terrorismus, organisierte Kriminalität und eine Serie von Militärputschen die Risiken.

In seiner exklusiven Monatsanalyse für AKE | SKABE GmbH zeigt Prof. Dr. Carlo Masala, warum regionale Integration über ECOWAS zur wirtschaftspolitischen Strategie werden kann – und wie fragil Investitionsklima, Rohstoffströme und Lieferketten bleiben, wenn Stabilisierung ausbleibt.

Portrait
Prof. Dr. Carlo Masala
Wissenschaftlicher Berater

Prof. Dr. Carlo Masala ist Experte für Sicherheits- und Verteidigungspolitik und leitet an der Universität der Bundeswehr München u. a. das Center for Intelligence and Security Studies (CISS). AKE | SKABE unterstützt er als wissenschaftlicher Berater und veröffentlicht u. a. exklusive Beiträge zu sicherheitspolitischen und geostrategischen Themen.

Westafrikas fragile Stabilität

Die Region Westafrika steht in den kommenden Jahren zwischen dem Potenzial struktureller wirtschaftlicher Transformation und der Gefahr sicherheitspolitischer Erosion, insbesondere in der Sahelzone und einem „Coup-Gürtel“ vom Atlantik bis zum Tschadsee. Ökonomische Entwicklungsperspektiven hängen eng mit regionaler Integration (v. a. der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS), sektoraler Diversifizierung sowie der Eindämmung von Terrorismus und Staatsstreichen zusammen.

Ökonomische Entwicklungsperspektiven: Agrar, Energie und neue Märkte

Westafrika verzeichnet seit einigen Jahren moderates Wachstum, mit Projektionen von rund 4 bis 4,5 Prozent BIP‑Zuwachs für die Mitte der 2020er-Jahre, getragen vor allem von Nigeria, Ghana, Senegal und Côte d’Ivoire. Neue Öl‑ und Gasprojekte (u. a. in Senegal und Niger) und Reformen in großen Volkswirtschaften wie Nigeria stärken die makroökonomische Dynamik, auch wenn Inflation, Verschuldung und Währungsschwankungen weiterhin bremsen. 

Strukturell zentral bleibt der Agrarsektor, der den Hauptarbeitgeber darstellt und bis 2030 zu einem Billionen‑Dollar‑Markt anwachsen könnte, wenn es gelingt, Produktivität, Mechanisierung und digitale Anwendungen auszubauen.

Fintech und Dienstleistungen als Wachstumsinseln

Parallel dazu kann man sogenannte Wachstumsinseln im Bereich Dienstleistungen, insbesondere Finanztechnologie, digitale Dienste und Finanzsektor, beobachten, die zunehmend Investitionen und Diaspora‑Kapital anziehen. Das sicherlich bekannteste Beispiel ist der Fintech‑Boom in Metropolen wie Lagos oder Accra, dessen Ziel es ist, finanzielle Inklusion zu erhöhen und Kapitalmobilisierung für kleine und mittlere Unternehmen zu fördern.

ECOWAS: die Rolle regionaler Integration

Trotz ihrer aktuellen politischen Krise stellt die ECOWAS weiterhin den wichtigsten institutionellen Rahmen für wirtschaftliche Integration, Handelsliberalisierung und Infrastrukturprogramme in Westafrika dar. Dieses Integrationsforum ist an die EU-Logik angelehnt und verfolgt einen stufenweisen Prozess, der von einer Freihandelszone hin zu tieferer wirtschaftlicher Integration führen soll. Bisher verhindern jedoch geringe Industrialisierung, schwache Infrastruktur und vor allem politische Spannungen eine volle Entfaltung dieser Integration.

Sahel, Terrorismus und Staatsstreiche: Sicherheitspolitische Risiken für Investitionen

Westafrika ist von einer Konvergenz klassischer und hybrider Sicherheitsrisiken geprägt, die von Terrorismus, Aufstandsbewegungen über Staatsstreiche bis hin zu organisierter Kriminalität reichen. Besonders kritisch ist der Sahelraum (u. a. Mali, Burkina Faso, Niger), in dem in den letzten Jahren mehrere Militärputsche stattfanden und ausgedehnte Territorien de facto außer staatlicher Kontrolle geraten sind.

Weiterhin agieren im Sahel dschihadistische Gruppen, die großflächig Anschläge, Erpressungen und Vertreibungen durchführen. Staaten wie Burkina Faso und Mali haben erhebliche Teile ihres Territoriums an diese Gruppen verloren und stehen nicht mehr unter effektiver zentralstaatlicher Kontrolle.

Ein zentrales sicherheitspolitisches Risiko besteht in der möglichen Ausstrahlung dieser Gewalt in Küstenstaaten wie Côte d’Ivoire, Benin, Ghana oder Togo. Neben dschihadistischen Akteuren spielen dabei auch lokale Milizen und Selbstverteidigungsgruppen eine Rolle, die sich aus interethnischen Konflikten, Land‑ und Ressourcendruck oder politischer Instrumentalisierung speisen und Gewaltspiralen verstärken. Seit 2020 ist ein Putschgürtel entstanden: Mali, Guinea, Burkina Faso, Niger und der Tschad haben Militärputsche erlebt, die zumeist in Militärregimen mündeten. Diese Coups schwächen die Legitimität staatlicher Institutionen, unterminieren demokratische Konsolidierung und erschweren internationale Sicherheitskooperation.

Mit der Gründung von Formaten wie der Allianz der Sahelstaaten (AES) durch einige Militärregime und deren Distanz zu traditionellen Partnern entstehen neue geopolitische Konstellationen, in denen quasistaatliche Sicherheitsanbieter (Militärdienstleister) Bedeutung gewinnen. Daraus resultieren Risiken selektiver Sicherheitsstrategien, Menschenrechtsverletzungen sowie langfristige Abhängigkeiten von externen Akteuren.

Organisierte Kriminalität und illegale Rohstoffströme

Die mangelnde Stabilisierung eröffnet auch nicht klassischen Akteuren größere Spielräume. Organisierte Kriminalität – Drogenschmuggel, Menschenhandel, illegale Rohstoffausfuhr: Sie alle nutzen schwache staatliche Kontrollen, Korruption und unzureichende Grenzsicherung, insbesondere in Transitländern und Küstenstaaten am Golf von Guinea. Im Gegenzug finanzieren diese Netzwerke zum Teil bewaffnete Gruppen, unterminieren staatliche Autorität und verknüpfen regionale Sicherheitsprobleme mit globalen Märkten.

Sicherheitslage und Wirtschaft: ein gefährlicher Kreislauf

Die Sicherheitslage steht selbstredend in einem engen Zusammenhang mit der ökonomischen Entwicklung. Gewaltkonflikte untergraben Wachstumspotenziale, und umgekehrt verstärkt ökonomische Marginalisierung Sicherheitsrisiken. Je schlechter die ökonomische Entwicklung in einzelnen Ländern der Sahelzone, desto größer das Rekrutierungspotenzial für kriminelle oder terroristische Akteure.

Gleichzeitig wirken politische Instabilität und Putsche direkt auf Investitionen, Entwicklungshilfe und regionale Integration: Suspendierungen aus der ECOWAS, Sanktionen und der Abzug internationaler Missionen schränken die Fähigkeit ein, langfristige Entwicklungsprojekte durchzuhalten. Umgekehrt können erfolgreiche regionalwirtschaftliche Initiativen – etwa der Aufbau grenzüberschreitender Wertschöpfungsketten und Arbeitsmärkte – Anreize für Kooperation schaffen und die Kosten von Konflikten erhöhen, wenn wirtschaftliche Verflechtungen intensiv genug sind.

Perspektiven: Stabilisierung, FDI – oder Erosion von Wachstum und Integration

Welche Möglichkeiten gibt es somit angesichts dieser Konstellation für die Entwicklung Westafrikas? Wenn man es optimistisch sieht, dann könnten die makroökonomischen Stabilisierungsbemühungen verschiedener Staaten zum Erfolg führen. In einem solchen Szenario würde Inflation und Währung stabilisiert und die notwendige Infrastruktur für Energie und Transport ausgebaut. Zugleich würde es gelingen, im Rahmen von ECOWAS die Weiterentwicklung zu einer wirklichen Freihandelszone voranzutreiben. Wenn es dann noch gelingen würde, die bereits existierenden Bemühungen zu Good Governance voranzutreiben, dann könnte dies auch dazu führen, dass zukünftig wieder mehr FDI in diese Länder fließen würde.

Auf der anderen Seite besteht das Risiko, dass andauernde oder gar eskalierende Gewalt Investitionen und Handel massiv dämpfen, die regionalen Integrationsbemühungen erschweren und die bereits erzielten Fortschritte im Rahmen von ECOWAS gar retardieren lassen.

Es ist somit offen, in welche Richtung sich die westafrikanischen Staaten entwickeln werden, aber es besteht die Gefahr, dass die in den letzten Jahren sich in Ansätzen abzeichnenden Entwicklungen hinsichtlich Stabilität und Wachstum in Zukunft extrem gefährdet sein könnten.

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