Geopolitische Risiken für Österreichs Wirtschaft: Wenn globale Krisen Unternehmen treffen
Ein Automobilzulieferer in Oberösterreich gerät unter Druck, weil ein deutscher Fahrzeughersteller seine Produktion reduziert. Ein österreichisches Unternehmen mit Niederlassungen in Osteuropa muss angesichts politischer Spannungen die Sicherheit seiner Mitarbeitenden neu bewerten. Und ein Industriebetrieb an der Donau kann wichtige Güter wegen niedriger Wasserstände nicht mehr wie geplant transportieren.
Drei unterschiedliche Szenarien mit einer Gemeinsamkeit: Entwicklungen außerhalb des unmittelbaren Einflussbereichs eines Unternehmens können dessen Geschäftstätigkeit erheblich beeinträchtigen. Das gilt auch für Betriebe, die ausschließlich in Österreich tätig sind.
Welche geopolitischen und wirtschaftlichen Risiken sind für Österreich besonders relevant? Und wie können Unternehmen ihre Handlungsfähigkeit sichern?

Österreichs Wirtschaft: Internationale Verflechtung schafft Abhängigkeiten
Österreichs Wirtschaft ist eng mit internationalen Märkten verbunden. Nach den am 15. Oktober 2026 veröffentlichten endgültigen Ergebnissen von Statistik Austria gingen die österreichischen Warenexporte 2025 um 0,8 Prozent auf 189,69 Milliarden Euro zurück. Die Importe stiegen um 4,3 Prozent auf 197,07 Milliarden Euro. Daraus ergab sich ein Handelsbilanzdefizit von 7,38 Milliarden Euro.
Deutschland ist Österreichs wichtigster Handelspartner. Nach Angaben der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) entfielen 2025 rund 29,5 Prozent der österreichischen Warenexporte auf den deutschen Markt. Auch die USA, Italien, die Schweiz sowie mittel- und osteuropäische Länder sind wichtige Handelspartner.
Die internationale Ausrichtung bietet wirtschaftliche Chancen, bringt aber auch Abhängigkeiten mit sich. Handelskonflikte, Zölle, Sanktionen und politische Krisen können Absatzmärkte verändern, Geschäftsbeziehungen erschweren und Investitionsentscheidungen beeinflussen.
Wie weit Österreichs internationale Verflechtung reicht, verdeutlichen auch die Auslandsinvestitionen. Laut Oesterreichischer Nationalbank (OeNB) belief sich der Bestand österreichischer Direktinvestitionen im Ausland Ende 2024 auf rund 257,4 Milliarden Euro. Etwa ein Drittel davon entfiel auf Mittel-, Ost- und Südosteuropa.
Damit reichen die Auswirkungen internationaler Entwicklungen weit über den Warenhandel hinaus. Auch Tochtergesellschaften, Produktionsstandorte, Investitionen und Mitarbeitende können betroffen sein.
Österreichische Automobilindustrie: Wenn internationale Entscheidungen Folgen haben
Ein Automobilhersteller in Deutschland reduziert seine Produktion. Für einen Zulieferer in Oberösterreich kann das bedeuten, dass weniger Bauteile bestellt werden, Produktionskapazitäten ungenutzt bleiben und geplante Investitionen überprüft werden müssen.
Die österreichische Automobilzulieferindustrie ist eng in internationale Wertschöpfungsketten eingebunden. Laut einer Analyse der Wirtschaftskammer Österreich von 2025 erzielen österreichische Automotive-Unternehmen rund 70 Prozent ihres Umsatzes im Export. Wichtige Absatzmärkte sind Deutschland, die USA, China und weitere EU-Länder.
Für Zulieferer können sich wirtschaftliche und geopolitische Risiken überlagern. Eine schwächere Fahrzeugnachfrage belastet die Auftragslage. Neue Zölle oder Handelsbeschränkungen können die Kosten verändern. Verlagern Automobilhersteller ihre Produktion in andere Länder, kann sich auch die Nachfrage nach Komponenten aus Österreich verschieben.
Besonders schwierig wird die Situation, wenn mehrere Entwicklungen gleichzeitig eintreten. Ein österreichischer Zulieferer könnte beispielsweise von sinkenden Bestellungen aus Deutschland, steigenden Materialkosten und neuen Handelsbeschränkungen betroffen sein.
Wie groß das Risiko für das einzelne Unternehmen ist, hängt unter anderem davon ab, wie stark sein Umsatz von bestimmten Kunden, Märkten und Technologien abhängt. Ein vorausschauendes Risikomanagement sollte deshalb auch die Auswirkungen politischer Entscheidungen auf wichtige Geschäftspartner berücksichtigen.
Geopolitische Risikoanalysen und Szenarien helfen dabei, mögliche Veränderungen frühzeitig zu erkennen, ihre Folgen zu bewerten und strategische Handlungsoptionen vorzubereiten.
Mittel- und Osteuropa: Wenn Auslandsstandorte zum Sicherheitsrisiko werden
Österreichische Unternehmen haben in den vergangenen Jahrzehnten umfangreich in Mittel-, Ost- und Südosteuropa investiert. Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung im Finanzsektor.
Die Erste Group ist unter anderem in Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Rumänien und Kroatien vertreten. Anfang 2026 erweiterte sie ihre Präsenz in Polen durch die Übernahme einer kontrollierenden Beteiligung an einer dortigen Bank. Auch die OeNB hebt die starke Präsenz österreichischer Banken und Versicherungen in Mittel- und Osteuropa hervor.
Internationale Standorte unterliegen unterschiedlichen politischen, regulatorischen und sicherheitsbezogenen Rahmenbedingungen. Neue Sanktionen, politische Instabilität oder eine Verschlechterung der Sicherheitslage können den Geschäftsbetrieb beeinträchtigen. Gleichzeitig tragen Unternehmen Verantwortung für die Sicherheit ihrer Mitarbeitenden.
Ein mögliches Szenario: Ein österreichisches Industrieunternehmen betreibt mehrere Produktionsstandorte in Mittel- und Osteuropa. In einem Land verschärft sich die politische Lage. Demonstrationen beeinträchtigen den Verkehr, Mitarbeitende sind verunsichert, und Geschäftsreisen müssen neu bewertet werden.
Die Geschäftsführung muss entscheiden, ob der Betrieb fortgesetzt werden kann, welche Schutzmaßnahmen erforderlich sind und wann eine vorübergehende Schließung oder Evakuierung vorbereitet werden sollte.
Dafür benötigt sie aktuelle Lageinformationen, definierte Verantwortlichkeiten und belastbare Notfallpläne. Ein funktionierendes Travel-Risk-Management und die Wahrnehmung der unternehmerischen Fürsorgepflicht (Duty of Care) spielen dabei eine zentrale Rolle.
Unternehmen mit mehreren internationalen Standorten sollten lokale Sicherheitsinformationen mit einer übergreifenden Risikobewertung verbinden. So lassen sich Entwicklungen nach einheitlichen Kriterien beurteilen und geeignete Maßnahmen koordinieren.
Niedrigwasser auf der Donau: Wenn die Logistik zum Risiko wird
Auch Unternehmen, die ausschließlich in Österreich tätig sind, können von Störungen wichtiger Verkehrswege betroffen sein. Wie gravierend die Auswirkungen sein können, zeigte das Niedrigwasser auf der Donau im Sommer 2026. Laut Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur (BMIMI) standen Anfang August 2026 in der Wachau nur noch zwei Meter Fahrwassertiefe zur Verfügung, östlich von Wien waren es 1,8 Meter. Die Güterschifffahrt wurde fast vollständig eingestellt.
Die Folgen sind inzwischen auch statistisch belegt: Laut Statistik Austria sank das Transportaufkommen auf der österreichischen Donau im Juli und August 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 56,6 Prozent. Im August betrug der Rückgang sogar 73,7 Prozent.
Für Unternehmen, die auf die Binnenschifffahrt angewiesen sind, können solche Einschränkungen erhebliche Lieferverzögerungen und zusätzliche Logistikkosten verursachen. Das Beispiel zeigt, warum auch national tätige Unternehmen ihre Abhängigkeit von kritischen Transportwegen kennen und alternative Logistiklösungen vorbereiten sollten.
Vom Weltgeschehen zur Unternehmensentscheidung: Was Global-Risk-Management leisten muss
Die Beispiele verdeutlichen, wie unterschiedlich internationale Entwicklungen und andere externe Risiken auf Unternehmen wirken können. Ein Automobilzulieferer muss seine Abhängigkeit von internationalen Absatzmärkten bewerten. Ein Unternehmen mit Auslandsstandorten muss für die Sicherheit seiner Mitarbeitenden sorgen. Ein Industriebetrieb an der Donau benötigt Alternativen für unterbrochene Transporte.
Für ein wirksames Global-Risk-Management sind drei Fragen entscheidend:
1. Welche Abhängigkeiten können den Geschäftsbetrieb gefährden?
Unternehmen sollten wissen, welche Kunden, Absatzmärkte, Standorte, Zulieferer und Infrastrukturen für ihre Geschäftstätigkeit besonders wichtig sind. Eine Risikoanalyse macht kritische Abhängigkeiten sichtbar und hilft, mögliche wirtschaftliche und sicherheitsrelevante Auswirkungen zu bewerten.
2. Welche Entwicklungen müssen beobachtet werden?
Internationale Konflikte, politische Entscheidungen, Sanktionen und regionale Sicherheitslagen verändern sich laufend. Geopolitisches Monitoring, Open-Source-Intelligence (OSINT) und lokale Lageeinschätzungen helfen, relevante Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und auf die eigene Geschäftstätigkeit zu beziehen.
3. Wer entscheidet im Krisenfall?
Wann werden Geschäftsreisen ausgesetzt? Wer aktiviert den Krisenstab? Unter welchen Voraussetzungen wird ein Standort vorübergehend geschlossen? Klare Verantwortlichkeiten, abgestimmte Kommunikationswege und vorbereitete Handlungsoptionen ermöglichen schnelle und fundierte Entscheidungen.
Global-Risk-Management für österreichische Unternehmen
Die Exportkraft der österreichischen Wirtschaft eröffnet zahlreiche Geschäftsmöglichkeiten. Gleichzeitig müssen Unternehmen ihre wirtschaftlichen, geopolitischen und sicherheitsrelevanten Risiken regelmäßig bewerten. Das gilt ebenso für national tätige Unternehmen, deren Geschäftsabläufe von internationalen Märkten oder kritischen Infrastrukturen abhängen.
Ein systematisches Global-Risk-Management verbindet die Beobachtung internationaler Entwicklungen mit den konkreten Geschäftsprozessen und strategischen Zielen eines Unternehmens.
AKE | SKABE unterstützt Unternehmen bei der Analyse und Bewertung geopolitischer Risiken, beim Aufbau und bei der Weiterentwicklung von Risikomanagementsystemen sowie bei der Vorbereitung auf Krisensituationen. Das Leistungsspektrum umfasst unter anderem Global-Risk-Management, Lieferkettenrisikomanagement, Reisesicherheit, Wirtschaftsschutz und Krisenmanagement.
Dabei verbindet AKE | SKABE strategische Beratung mit weltweiter operativer Unterstützung, beispielsweise bei der Absicherung internationaler Standorte, beim Schutz von Mitarbeitenden und bei Evakuierungen.
Mit dem neuen Büro in Wien steht AKE | SKABE österreichischen Unternehmen auch direkt vor Ort als Ansprechpartner für internationale Risiko- und Sicherheitsfragen zur Verfügung.


