Mark Carneys Vision einer Allianz der Mittelmächte
Eine Allianz der Mittelmächte? Ja – mit einer realistischen Zielperspektive
Die Rede des kanadischen Premierministers Mark Carney im Januar 2026 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos fand weltweit große Beachtung und Zuspruch. Er forderte die Mittelmächte dazu auf, enger zusammenzuarbeiten, um im anbrechenden Zeitalter der Großmächtekonkurrenz unabhängig zu bleiben und nicht unter die Räder kommen. Seither ist die Vorstellung in aller Munde, dass eine enge Zusammenarbeit Kanadas mit europäischen, lateinamerikanischen und asiatischen Demokratien diese nicht nur vor den imperialen Versuchungen Chinas und der USA schützen könnte, sondern auch die Möglichkeit eröffnet, auf Augenhöhe mit diesen Staaten zu agieren.

Prof. Dr. Carlo Masala ist Experte für Sicherheits- und Verteidigungspolitik und leitet an der Universität der Bundeswehr München u. a. das Center for Intelligence and Security Studies (CISS). AKE | SKABE unterstützt er als wissenschaftlicher Berater und veröffentlicht u. a. exklusive Beiträge zu sicherheitspolitischen und geostrategischen Themen.

Zwar ist die anfängliche Euphorie, die Carneys Vision aus allen Ecken und Enden der Welt entgegengeflogen ist, merklich abgeebbt. Dennoch wird in der praktischen Politik vieler Mittelmächte noch immer auf dessen Zielvorstellung rekurriert, wenn es darum geht zu beschreiben, wo die eigene Zielperspektive liegt. Insbesondere unter vielen EU-Mitgliedsstaaten fand diese Rede großen Anklang und ist seitdem eine Art Leitgedanke der auswärtigen Beziehungen der EU. Allerdings sind die Wünsche und Hoffnungen, die sich mit dem Konzept einer Allianz der Mittelmächte verbinden, bei genauerer Betrachtung trügerisch.
Denn – let's be honest – eine solche Allianz wird international nie auf Augenhöhe mit den USA und China konkurrieren, agieren und interagieren können.
Die Mittelmächte verfügen über beträchtliche Macht
Dass dem so ist, liegt nicht in der machtpolitischen Schwäche einer solchen Allianz. Zählt man, je nachdem, welche Staaten sich einer solchen Allianz anschließen, die Bevölkerungszahl, das BIP, das Außenhandelsvolumen und die militärische Stärke, die eine solche Allianz vereinen würde, zusammen, dann wäre sie tatsächlich in einigen Bereichen annähernd so stark wie die USA und China. Teilweise sogar stärker. Objektiv betrachtet bringt eine solche Allianz also eigentlich alles mit, was sie dazu prädestiniert, ein gewichtiger Pol in der zukünftigen internationalen Ordnung zu sein.
Alles?
Warum eine Allianz kein einheitlicher Akteur ist
Nein, eben nicht alles. Denn neben den bereits angesprochenen Machtmitteln braucht es auch und insbesondere die Möglichkeit, diese Machtmittel auch zielgerichtet einzusetzen – und zwar als einheitlich handelnder Akteur. De facto ist eine Allianz aber nun mal kein Staat und wird sich (aller Wahrscheinlichkeit nach) auch nicht zu einem weiterentwickeln.
Damit fehlt dieser Allianz aus Einzelstaaten die Möglichkeit, ihre Machtmittel jederzeit und verlässlich zum Einsatz zu bringen, wie dies eben bei Staaten der Fall ist. Bereits im Kalten Krieg wurde oftmals der Fehler begangen, die Bipolarität im internationalen System zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt und nicht zwischen den USA und der UdSSR zu verorten. Diesen Fehler sollte man mit Blick auf die sich möglicherweise herausbildende Allianz der Mittelmächte nicht erneut begehen.
Die Europäische Union zeigt Möglichkeiten und Grenzen
Dies bedeutet nicht, dass eine solche Allianz gänzlich machtlos ist. So hat die EU im Bereich des Außenhandels eine beeindruckende Machtfülle, die sie dank der Supranationalität in diesem Bereich voll zur Entfaltung bringen kann. Sie ist in diesem Fall ein Machtfaktor und in der Lage, ähnlich schnell und entschieden zu handeln, wie dies bei Staaten der Fall ist.
Aber darüber hinaus ist die EU, wie es auch die Allianz der Mittelmächte wäre, ein Verbund intergouvernemental operierender Akteure, die gemeinsame Entscheidungen treffen müssen. Diese Entscheidungen sind jedoch angesichts der oftmals divergierenden Interessen oft nicht mehr als der kleinste gemeinsame Nenner.
Einer Allianz der Mittelmächte würde es nicht anders gehen, unabhängig davon, ob Entscheidungen einstimmig oder mit irgendeiner Mehrheit getroffen werden. Und genau aus diesem Grund kann eine Allianz der Mittelmächte kein weltpolitischer Akteur wie die USA oder China werden. Nicht heute und auch nicht in entfernter Zukunft.
Eine realistische Perspektive für die Allianz der Mittelmächte
Ist deshalb das Konzept obsolet? Ich denke nicht. Man sollte die Zielsetzung nur relativieren, um ihm eine realistische Perspektive zu geben.
Die Zielsetzung kann nur sein, mittels einer Allianz der Mittelmächte das zu verteidigen, was in den letzten 70 Jahren im Rahmen der liberalen Weltordnung erreicht wurde:
- politisch mit Blick auf die Innenpolitik,
- im Rahmen der Außenwirtschaft durch Freihandel
- sowie im Bereich der Außenpolitik durch eine regelbasierte und multilaterale Zusammenarbeit.
Diese Zielperspektive wäre bereits sehr ambitioniert und würde einen komplizierten Aushandlungsprozess zwischen den Mitgliedsstaaten erfordern, dessen Erfolg fraglich ist. Auch würde ein solcher Versuch beständig von den USA und China torpediert werden. Denn beide würden bestehende Abhängigkeiten (ökonomisch und sicherheitspolitisch) nutzen, um die Mitgliedsstaaten der Allianz zum Wohlverhalten zu zwingen.
Die liberale Weltordnung gegen Großmachtpolitik verteidigen
Dennoch wäre diese Zielperspektive zumindest eine realistische für die Mitgliedsstaaten. Eine hingegen überhöhte Zielperspektive würde schnell zur Frustration und Ermattung führen, die letzten Endes der Idee einer Allianz der Mittelmächte eher schaden als nutzen würde. Mithin. Carneys Rede könnte in der Tat als Startschuss für eine neue Etappe von Mittelmächten weltweit verstanden werden, wenn – und darauf kommt es an –: wenn sie mit einer realistischen Zielperspektive einhergeht. Und die kann nur lauten: Wir müssen das verteidigen, was wir erreicht haben, gegen die Versuchung der Großmachtpolitik.


